Bildbetrachtung zur Passionszeit

„Die Verkündigung an Maria“ (um 1512) von Lucas Cranach dem

Älteren (1472-1553)

 


Ein gewaltiger Engel bringt einer sehr jungen, eher kindlich wirkenden Frau die Botschaft, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen und gravierend verändern wird. Ab jetzt wird nichts mehr so sein wie von ihr erhofft und geplant. Im Lukasevangelium erfahren wir sogar den Namen des Boten: Gabriel. Er scheint hier auf dem Bild gerade erst angekommen zu sein, zusammen mit dem Heiligen Geist, der in Taubengestalt zum Fenster hereinlugt. Dessen Strahlkraft und Marias Strahlenkranz um ihr Haupt scheinen ineinander überzugehen, verstärkt noch durch des Engels mächtige rechte Schwinge, die sich wie ein schützendes Dach über Maria breitet. Wie ein Kurier eine Depesche hält Gabriel etwas in der linken Hand. Einen Brief? Eine Schriftrolle? Ein kleines Buch? Heutzutage würden KonfirmandInnen sofort ein Smartphone vermuten. Gabriels Rechte ist zum Segensgruß erhoben: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr

ist mit dir!“

Ich staune darüber, wie ruhig und gefasst Maria auf diesem Bild erscheint.

Da ist ja überhaupt nichts von dem Erschrecken zu merken, von dem der Evangelist Lukas berichtet. Ruhig, konzentriert, vielleicht auch noch im Gebet versunken sitzt die blutjunge Verlobte des Josef da. Zuvor scheint sie im Ersten Testament gelesen zu haben. Gleich wird die fromme Jüdin hören: “Du hast Gnade bei Gott gefunden“ und erfahren, dass sie den „Sohn des Höchsten“ zur Welt bringen wird.

Unzählige Künstler haben diesen Wendepunkt im Leben der späteren Gottesmutter im Bild einzufangen versucht. Am 25. März, mitten in der Passionszeit, begehen wir den „Tag der Anku?ndigung der Geburt des Herrn“. Schon die frühe Kirche rechnete da ganz akribisch: Wurde Jesus am 25. Dezember geboren, so ist er am 25. März empfangen worden. Das Weihnachtswunder beginnt somit im März. Mitten in der Passionszeit. Martin Luther hat das einst prägnant zusammengefasst: „ Krippe und Kreuz sind aus dem gleichen Holz.“ Aus dem Holz der Ergebenheit in Gottes Willen.

Maria, so berichtet der Evangelist, durchlebt angesichts der Engelsbotschaft in atemberaubender Abfolge ein wahres Wechselbad der

Gefühle: Erschrecken – Verwunderung und leiser Protest („Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?“) und letztlich Ergebenheit.

„Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Der Künstler fängt diese Ergebenheit Mariens in den Willen Gottes zeichnerisch ein.

Mir fallen beim Betrachten dieser Szene Mitmenschen ein, die derzeit überhaupt nicht oder höchstens zähneknirschend „Dein Wille geschehe!“ beten können. Menschen, die an unerwarteten Wendungen in ihrem Leben hart zu beißen haben. Die Nachbarin etwa, die jäh und weit vor der Zeit ihren Liebsten bei einem Unglu?ck verlor. Die Kollegin, die sich um ihre Kinder sorgt und deren Lebensentscheidungen gefährlich findet. Der Freund, den die ärztliche Diagnose fast umgehauen hat. Für sie alle sind Marias Worte: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Ganz weit weg. Stattdessen liegt ein vehementes: „Das darf doch nicht wahr sein! Das halte ich nicht aus! Ich will das nicht!“auf ihren Lippen. Auch ich kenne das an Lebensstationen: Hartes Ringen mit Gott, Bitten, Flehen, Betteln, Verhandeln, Schimpfen und anderes mehr. Mit dem Grundton: „Tu mir das doch nicht an, Gott! Lass mich damit in Frieden!“ Vielgestaltig kann das Ringen mit Gott sein, wenn etwas geschieht, das unser bisheriges Leben aus der Bahn wirft. In dunklen Stunden wusste mich da stets in guter Gesellschaft, etwa bei den PsalmbeterInnen im Alten Testament. Mein größter Trost in solchen Zeiten war stets das Ringen Jesu im Garten Gethsemane und besonders sein Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nein, ich bin nicht wie Maria. Ich muss mich oftmals erst mit Gott auseinandersetzen, bevor ich verstehen und beten kann: “Dein Wille geschehe!“ Bei mir und vielen, die ich begleite, dauert es manchmal einige Zeit. Gottlob, so ging es auch Jesus. Da fühle ich mich ihm ganz nah. Danke, mein Bruder und Freund. Ja, es braucht oft mehr als ein „Fürchte dich nicht!“ und auch mehr als ein Gebet, um sich Gottes Willen fügen zu können, wenn er uns auf seine Wege schickt.

Dorthin, wohin wir aus eigenem Antrieb wohl niemals gegangen wären. So wie es auch Jesus erging, der gerne mit Genuss wie auch Freude auf Erden lebte und doch letztendlich zum Vater beten konnte : „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!.“

Gottes Sohn durfte erfahren: In dem Moment, in dem Gottes Wille

geschieht, gewinnt neues Leben Gestalt – ewiges Leben.

Krippe und Kreuz sind aus dem gleichen Holz. Dem Holz der Ergebenheit.

Daran erinnert uns der „kleine Gedenktag“ am 25. März. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“ (Galater 4,4)

Astrid Roode Schmeing

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