Bildbetrachtung zur Passionszeit

"Der Mann, der das Gras wachsen hört" von Kurt Scheele, 1937
 

"Kreuzigt ihn!" So brüllen sie. "Kreuzigt ihn!" Er soll sterben. So wollen es die Römer. So wollen es die Mächtigen. Er passt ihnen nicht ins politische und religiöse Kalkül. Er muss weg. Obwohl Jesus unschuldig ist. Das wissen wohl viele. Nur darum geht es längst nicht mehr. Es geht um "größere Interessen", es geht um die Herrschaft über das Volk. Es geht um Politik. Es geht um Machtspiele. Nun ist es zu spät. Keiner kann mehr eingreifen und keiner macht jetzt noch einen Rückzieher. "Kreuzigt ihn!" Wenn so laut gegrölt wird, wenn alle schon wie von Sinnen den Tod herbei schreien, dann ist es zu spät. Dann lässt sich nichts mehr aufhalten. Wer soll da noch etwas tun? Es folgen zwangsläufig Kreuzigung und Tod. Jesus wird verurteilt, gefoltert, getötet.

Es lassen sich genug Beispiele finden für dieses "zu spät". Die Geschichte bietet viel, aber auch in heutiger Zeit muss man nicht lange suchen. Zu lange wird verharmlost, kleingeredet, verharmlost. Und plötzlich ist die Katastrophe da. Dann lässt sich nichts mehr umkehren. Alle schreien und grölen nur noch und für vernünftiges Reden ist die Zeit vorbei. "Hätten wir doch eher gehandelt!" "Hätten wir doch erste Anzeichen früher erkannt und ernst genommen!" Hätte, hätte, Fahrradkette...Jammern im Nachhinein hilft nicht. Nein, wir brauchen Menschen, die erste Anzeichen erkennen und wachsam sind, die rechtzeitig warnen. Nicht erst dann, wenn es zu spät ist und alle schon "Kreuzigt ihn!"  rufen. Wir brauchen Menschen, die das sprichwörtliche Gras wachsen hören. So wie auf dem Bild von Kurt Scheele. "Der Mann, der das Gras wachsen hört" so heißt dieser Holzschnitt. 1937 ist dieses Bild entstanden. Also zu einer Zeit, als es auch schon zu spät war. Die Nationalsozialisten waren längst an der Macht.

Vielleicht sind Kurt Scheele beim Schaffen dieses Bildes ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen: "Hätten wir doch früher gehandelt!". Viele Bilder Scheeles werden auf jeden Fall als sogenannte entartete Kunst gebrandmarkt. Sie dürfen nicht mehr gezeigt werden. Bilder als entartet zu bezeichnen ist auch so etwas wie ein "Kreuzigt ihn!" der Nationalsozialisten gegen die Kunst. Und schnell war damit ja auch nicht nur die Verfemung der Bilder verbunden. Künstler*innen mussten fliehen, wurden verfolgt und viele auch - gerade die jüdischen - getötet. Auch Kurt Scheel wir Opfer dieser menschenverachtenden Politik. Er stirbt im November 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Am Karfreitag erinnern wir uns daran, dass Jesus unschuldig hingerichtet wurde. "Für uns", so sagen wir. Und wir meinen damit, dass Jesus konsequent den Weg der Liebe gegangen ist. Er hat uns gezeigt, was Leben und Liebe im Sinne Gottes bedeuten. Und wozu es führen kann, wenn wir diese Liebe nicht leben. Wenn wir nicht achtsam sind. Heute "das Gras wachsen hören" bedeutet, sensibel zu sein für erste Anzeichen der Unmenschlichkeit. Position zu beziehen gegen Unrecht. Es bedeutet, früh schon als Kirche einzuschreiten. Und Kirche sind wir alle. Damit nicht am Ende "Kreuzigt ihn!" gebrüllt wird.

Pfarrer Dieter Eilert

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