Bildbetrachtung zur Passionszeit

Bildmeditation zu Otto Dix, Saul und David
(Lithographie 1951)

Melancholie hat König Saul betroffen; er hofft, wie die Bibel im 1. Samuelbuch Kap. 16, 14-23 erzählt, durch einen, der die Leier zu spielen ver-steht, seine Stimmung zu verbessern und Heilung zu erfahren. David kommt so an den Königshof, wird Sauls Waffenträger – und später zum Heerführer aufsteigen. Aber zuerst ist er der, dessen Musik Saul offenbar gut tut.
Das träumende Gesicht des völlig in die Musik vertieften David steht im Kontrast zu dem von Depression gezeichneten Gesicht Sauls. Auffällig dessen massiver, eingezogener Kopf ohne Hals, welcher Unfreiheit und Verkrampftsein vermittelt und auch Angst.
Die Komposition des Bildes ist beeindruckend: Ein klares, gewalttätiges Oben und ein zartes, gewaltfreies Unten. Saul wird mit aller seiner Macht dargestellt: Herrscherstab, Krone, Herrschergewand und Machtgebärde. Der Stab ist eher ein Knüppel, nicht Zeichen guter, kunstvoller Regierung, sondern Symbol primitiver Macht.
Er erinnert mich an manche Menschen, die sich nicht schwach zeigen können. Sie demonstrieren Stärke und Härte und legen sich deren Attribute zu: Den Stab, die Krone, das Gewand. Sie befehlen, sie bezahlen, sie schüchtern ein. Wird sich diese Position über längere Zeit durchhalten können?
Saul, so zeigt sich hier, ist momentan ganz auf das Hören konzentriert, dem jungen David zugewandt, der scheinbar direkt ins Herz Sauls hinein musiziert und Trost spendet. David unter ihm ist harmlos. Mit geschlossenen Augen, ganz der Musik ergeben, spielt er mit zarten Fingern. Helligkeit liegt über ihm und seinem Instrument. Eine Kraft geht von ihm, von unten her aus. Der Zuschauer ist gefragt, ob er der gewaltfreien Haltung eines singenden und musizierenden Menschen so viel zutraut wie der Maler es tut.
In mehreren Bildern setzt sich Dix während und nach seiner Gefangenschaft 1945 mit biblischen Themen auseinander. Sie beleuchten und deuten seine eigene Situation. Hinter der Musik des jungen David steht für ihn insgesamt die Kunst, die etwas gegen die totale Macht zu setzen hat.
1948 gestaltet er die Bilder „Geißelung“ und „Christus vor Pilatus“ - auch hier die Erfahrung von Macht und Ohnmacht im Mittelpunkt, aber immer, wie auch bei Saul und David mit der klaren Aussage, wem nach der Erfahrung des Künstlers die Zukunft gehört: Christus als Hoffnungsträger. Wenn Dix in den Folgejahren die Bilder „Saul und David“ und „Hiob“ malt, so sind diese biblischen Personen für ihn Vorläufer des Christus, in dessen Passion sich die leidvolle Erfahrung der Menschheit wie in einem Brennglas bündelt.
Dix hat einmal über sein Bild von Saul und David gesagt: "Man kann es auch nennen: Die Macht der Musik, man kann es aber auch nennen: Die Macht des Geistigen über die pure Gewalt." Mich erinnert es an Christus, den Sohn Davids, wie er im Neuen Testament auch genannt wird, der auf die leisen Töne gesetzt hat und den Mächtigen mit einer sanften wirkungsvollen Würde begegnet ist. In ihm wirkt der schöpferische Geist Gottes, der Erstarrtes und Verkrampftes zu lösen und unsere Sinne neu auszurichten vermag auf seine Gegenwart.
(Pfarrer Henning Disselhoff)

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