Bildbetrachtung zur Passionszeit

Eine Frau beugt sich über Jesus und gießt ihm mit einer kleinen Schale Öl über den Kopf, das sie aus einem kleinen Gefäß in ihrer linken Hand genommen hat.

Sie trägt eine modisch geschnittene Tunika und darüber einen Umhang, den sie so über den Kopf gezogen hat, dass ihr Gesicht vor den Blicken der Jünger verborgen ist.

Neben einer Dienerin, die gerade eine Schale abräumt, ist sie die einzige Frau im Raum.

Die Männer sitzen und stehen um den Tisch herum und sehen seltsam apathisch aus.

Nur bei den beiden Männern auf der linken Seite können wir anhand ihrer Gesten eine Reaktion auf die Handlung der Frau wahrnehmen:

der 3. von links hat die Hände vor dem Gesicht zusammengelegt, als wollte er sagen: „Um Gottes willen!“ Der 2. von links hält die rechte Hand mit der Handfläche nach oben vor dem Körper, als wollte er sagen: „Was tut diese Frau denn da?“ An dem Geldbeutel in seiner linken Hand können wir erkennen, dass es sich um Judas handelt, den Verräter Jesu.

Beide Männer reagieren auf etwas, dass wir dem Bild nicht entnehmen können, von dem aber die Geschichte erzählt: den Duft des Öls.

Es handelt sich um kostbares Öl der Narde, umgerechnet mehrere 10.000 € wert.

So wird auch die Reaktion der Männer verständlich: was für eine Verschwendung! Hätte sie Jesus dieses Öl einfach nur gegeben, was hätte man mit dem Erlös nicht alles tun können.

Wir befinden uns in Betanien, einem kleinen Dorf etwa 3 km südlich von Jerusalem. Die Geschichte, zu der Julius Schnorr Von Caroldsfeld in den 1850er Jahren diesen Holzstich geschaffen hat, kann man in der Bibel unter der Überschrift „die Salbung in Betanien“ nachlesen (z.B. Markus 14,3-9).

Jesus kennt diesen Ort gut: hier hat er Lazarus von den Toten auferweckt und war zu Gast bei seinen Schwestern Maria und Martha. Der Evangelist Johannes hält deshalb Maria, die Schwester des Lazarus, für die Frau, die Jesus salbt.

Die Geschichte ist der Auftakt der Leidensgeschichte Jesu. Bei Markus findet sie unmittelbar vor dem Verrat des Judas statt. Von Aschermittwoch bis zum Ostersamstag dauert im Kirchenjahr die Passionszeit. In ihr erinnern wir uns an die Leidensgeschichte Jesu Christi. Die Geschichten erzählen vom Leiden und Sterben Jesu Christi und den Menschen, die darin eine Rolle spielen. Zu ihnen gehört auch die Frau, die Jesus dieses kostbare Öl über den Kopf gießt und ihm damit zeigt, wie wertvoll er für sie ist.

Später werden die Christen sagen, sie habe die Salbung vorweggenommen, für die nach dem Tod am Kreuz keine Zeit mehr blieb. Denn in der Hektik der Kreuzesabnahme des Leichnams Jesu und seiner Bestattung ist keine Zeit für die traditionelle Salbung des Leichnams vor der Beerdigung.

Die Jünger nehmen all das nicht wahr. Nur Jesus spürt und schätzt die Bedeutung dieses Moments. Er sagt mit erhobenem Zeigefinger voraus, was bis auf den heutigen Tag zutrifft:

„Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen, das sage ich euch: Auf der ganzen Welt wird man die Gute Nachricht von mir verkünden. Dann wird man auch erzählen, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.“

Für mich steht diese Frau stellvertretend für die Leidensgeschichte von Frauen, die ihre Werte und Überzeugungen in eine Männergesellschaft hineintragen. Wo die umherstehenden Männer nur den finanziellen Wert des Öls sehen, sieht diese Frau in Jesus den leidenden und sterbenden Menschen, dessen Schicksal besiegelt ist, obwohl man es ihm noch nicht ansieht. Wo die Männer darüber diskutieren, was man mit dem Geld alles hätte machen können, schreitet diese Frau zur Tat und tut etwas, das nur hier stattfinden kann und nicht nachholbar ist. Sie steht für mich für alle die Frauen, die Männer auch heute noch nur als „Quote“ sehen. Für Frauen, die bis auf den heutigen Tag unter ungleicher Bezahlung und schlechteren Chancen in der Karriere leiden. Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft und Kirche – Leidensgeschichten jeden Tag.

Nobert Deka

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